Die Welt der Rituale


Wegmarken, Sinnstifter, Tröster, Ordner von Raum und Zeit - Warum brauchen wir Rituale und Zeremonien?



Die Göttin Chandika kommt, begleitet und getragen von ihren Brüdern und Beschützern, den Erolas, in einem ihrer Heimatdörfer an, um während ihrer neunmonatigen Prozession durch den Himalaya Mensch, Tier und Land ihren Segen zu geben. Foto: Karin Polit
Die Krönung eines Königs im Mittelalter, ein virtueller Gottesdienst im Second Life, der Valentinstag in Neu Delhi - was haben diese Anlässe gemeinsam? Alle drei Phänomene sind bestimmt von Ritualen, also von Handlungen, die über den Alltag hinausgehen, ihn überschreiten und überhöhen. Rituale stiften Sinn, Identität und Zusammenhalt. Sie sind Forschungsgegenstand der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Heidelberger Sonderforschungsbereiches "Ritualdynamik".

Was ist ein Ritual?


Ein Ritual ist eine kultur- und kontextgebundene menschliche Handlung. Rituale werden häufig von bestimmten Gepflogenheiten, Konventionen und Regeln begleitet und können religiöser oder weltlicher Art sein.
In einer Gesellschaft können Rituale Halt und Orientierung geben, indem sie auf
wiederkehrende Handlungsabläufe und altbekannte Symbole zurückgreifen.


Der Forschungsansatz: Entstehen und Vergehen ritueller Praktiken


Bislang ging man davon aus, Rituale seien gleichbleibenden Mustern verpflichtet, oder starren, gleichbleibenden Verhaltensformen, deren ursprüngliche Herkunft meist nur schwer nachweisbar ist. Das Heidelberger Projekt widmet sich jedoch vorrangig der Frage, wie rituelle Praktiken entstehen und vergehen und warum Rituale erfunden werden oder weiterentwickelt werden.

Methoden der Forscher


Bei ihrer Erforschung von Ritualen nutzen die Heidelberger Wissenschaftler verschiedene Methoden. Sie beobachten die Rituale heutiger Zeit, analysieren sie und nehmen Kontakt mit den Menschen auf, die sie praktizieren. Außerdem studieren sie schriftliche oder bildliche Quellen über Rituale früherer Zeiten und analysieren z.B. den zeitgenössischen Diskurs über bestimmte Rituale und die Entwicklung, die damit einherging.

Einzigartig in Deutschland: Der Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik"


Bild: Privatbesitz Joanna Ayaita, Marco Mattheis und Johannes Wienand
Der Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik" (SFB 619) wurde im Jahre 2002 gegründet und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Er ist der bislang erste und einzige kulturwissenschaftliche Sonderforschungsbereich in Deutschland, der sich ausschließlich mit Ritualen auseinandersetzt.

Mit über 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist er ein besonders großer interdisziplinärer Forschungsverbund aus 15 Fächern: Anglistik, Ägyptologie, Assyriologie, Ethnologie Südasiens, Alte und Mittlere Geschichte, Islamwissenschaft, Jüdische Studien, Klassische und Moderne Indologie, Kunstgeschichte Ostasiens, Medizinische Psychologie, Musikwissenschaft, Religionswissenschaft und Theologie.

Nachwuchsförderung


Das Forschungsvorhaben will überwiegend jüngere Forscherinnen und Forscher zusammenbringen und international vernetzen. Durch regelmäßige Symposien, Summer Schools, Kolloquien und internationale Tagungen wird so ein hohes Maß an Interdisziplinarität praktiziert und eingeübt, dass insbesondere jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler motiviert, nach Problemlösungen außerhalb der vertrauten Fächergrenzen zu suchen.

Das Ziel der Forschung


Bild: Privatbesitz Joanna Ayaita, Marco Mattheis und Johannes Wienand
So verschiedene Kulturen und Länder wie Mesopotamien, Altägypten, Altgriechenland und Rom, spätmittelalterliches und modernes Europa, Indien, Nepal, Syrien und die Türkei gehören zum Spektrum des Forschungsprogramms. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachten lebendige, traditionelle Rituale vor Ort und tauschen ihr Wissen aus. Sie wollen verstehen, wie sich Rituale in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen verändert haben und auch heute noch weiterentwickeln.
Wer erfindet Rituale zu welchen Gelegenheiten und welche Bedeutung haben rituelle Handlungen?
  • Dienen sie dazu, Machtpositionen zu festigen und zu legitimieren und die öffentliche Ordnung zu bewahren?
  • Welche Aufgabe hatten Rituale in früheren Zeiten als Kommunikationsmittel?
  • Helfen Rituale den Menschen, Identität zu stiften und zu bewahren?
  • Welche Aufgabe haben Rituale innerhalb der Lebensgeschichte des Menschen von der Kindheit bis zum Tod?
  • Können Rituale therapeutische Hilfe in Lebenskrisen bieten?
  • Wie helfen Rituale, dem Menschen sowohl ihre Lebensräume als auch ihre Lebenszeit zu strukturieren? - z.B. durch die Trennung von sakralen/heiligen und profanen - also weltlichen Räumen - oder durch die Jahreszeiten und Jubiläen?

Interdisziplinäre Forschung


Die enge Vernetzung der Projekte ermöglicht es, verschiedene rituelle Praktiken und Zeremonien miteinander zu vergleichen: Reinigungsrituale, Initiations- und Hochzeitsrituale, Heilrituale, Macht- und Herrschaftsrituale und Rituale des höfischen Zeremoniells, Tempel- und Festrituale, Trancerituale und Ritualisierungen des jugendlichen Drogenkonsums.
Forschende eines Teilbereichs des SFB befassen sich zum Beispiel mit Ritualen in Nepal. Nachdem verschiedene Alters-, Sterbe-, Toten- und Trauerrituale untersucht wurden, widmen sie sich den Kindheits- und Jugendritualen, insbesondere den verschiedenen Formen der Initiation von Mädchen und Jungen. Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich mit den Ritualen der Jugendkultur in Neu Delhi, mit den Gesetzen zur rituellen Reinheit im mittelalterlichen Judentum oder mit der Funktion öffentlicher politischer Rituale im römischen Reich der Spätantike.

Link zur Webseite des SFB Ritualdynamik


 
Suche
Forschungsgebiete Universitäten/Institute Standorte Zeitraum der Berichterstattung